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Reise in die Ukraine

 

Markus Holmer besuchte als Mitglied des Geschäftsführenden Vorstandes des Diakonischen Zentrums Serrahn e. V. Martina und Heinz Nitzsche, die seit einiger Zeit in der Ukraine eine Blaukreuz-Arbeit aufbauen (siehe Blaues Kreuz 5-2001):


Dienstag, 27. August 2002

Um 22 Uhr wollen wir abfahren. Das Auto haben wir am Morgen schon gepackt. Tobias Meier, Mitarbeiter in Aue, wollte als vierter Mann mitfahren, hat sich aber heute krankgemeldet. So fahren wir nur zu dritt. Der vierte Sitz im VW-Bus wird auch noch ausgebaut und der gewonnene Raum mit Sachen gefüllt, die ohnehin irgendwann mit sollen. Martina und Heinz Nitzsche fahren ja schon seit mehr als zehn Jahren in die Ukraine und nach Russland und haben ungezählte Hilfsgüter "an Land gezogen". Gewichtsmäßig am schwersten sind die vielen Bockwürste. Daneben kommen aber auch noch Winterschuhe, Kleidung, einige Medikamente ... mit, und natürlich haben auch wir noch Dinge gekauft, mit denen wir uns als Gäste Freunde machen wollen: Gummibärchen, bedruckte Kugelschreiber mit der Aufschrift "Blaues Kreuz" und der Anschrift von Nitzsches in Mariupol - in russischer Sprache versteht sich - und, und, und ...

Der Bus ist bis auf Fensterhöhe vollgeknackt. Oben darauf liegen eine Iso-Matte und ein Schlafsack, damit immer einer schlafen kann. Wir sind alle drei "Neulinge". Steffen Meier ist zwar schon zweimal mit gewesen zu Hilfstransporten. Aber wir können alle drei die russische Sprache nicht und haben auch sonst keine einschlägigen Erfahrungen im Umgang mit korrupten Beamten und undurchsichtigen Praktiken, auf die wir an den Grenzen und im Land gefasst sein müssen.

Einige Abwinkende sind froh, dass es endlich los geht. Die ewige Spannung taugt nicht. Haben wir an alles gedacht? Wird das (über-?)voll bepackte Auto durchhalten? Rund zweieinhalbtausend Kilometer sollen es sein.

Die Fahrt bis an die polnische Grenze ist schnell geschafft. Ein guter Geschwindigkeitsdurchschnitt! Das wird nicht so bleiben. Die Grenze ist kurz nach Mitternacht passiert ohne Probleme. Die ganze Nacht durch haben wir eine gute Fahrt. Wir merken, dass es Richtung Osten geht: Wenig Autobahn, die Straßen lassen stellenweise zu wünschen übrig. Hier, so wird uns bewusst, ist noch viel zu tun, bis die polnischen Standards westliches Niveau erreicht haben. Aber: Polen holt auf! Westliche Reklame und satte Preise zeigen, wohin "die Reise" geht. Und wir fragen uns: Wie lange hätte es wohl bei uns gedauert, wenn wir nicht den "reichen Bruder" im Westen Deutschlands gehabt hätten.


Mittwoch, 28. August 2002

Früh um 6 Uhr kurze Rast. Ein Kaffee täte gut! Die Bedienung in der Raststätte sieht noch etwas verschlafen aus. Für ein paar Zloty hat sie schnell zwei Tassen Kaffee durch die Espressomaschine geschickt. Was für ein Mokka! Buuhh ... - nichts für unausgeschlafene Magenschleimhäute. Und weiter geht's. Immer im Wechsel: Einer fährt, der Zweite wacht auf dem Beifahrersitz und der Dritte schläft hinten auf den Kisten mit dem Gebet auf den Lippen: "Herr, was wir tun, ist nicht ungefährlich, unangeschnallt ..., aber wir sind in deiner Hand!"

Und immer weiter geht es gen Osten. So weit war ich noch nie! Warschau, viel Verkehr, pulsierendes Leben in der polnischen Hauptstadt. Wie viele Menschen leben hier?!

Gegen Mittag erreichen wir die nächste Grenze. Jetzt wird es spannend: Wie werden wir durchkommen? Viele Fragen müssen beantwortet werden. "Wohin? Warum? ..." Formulare, ungewisses Warten und das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Die Sprache verstehen wir nicht, auch Aktionen und Reaktionen sind darum unverständlich. Aber dann sind wir durch. Endlich da!

Die Ukraine, das Ziel unserer Reise, ist erreicht. Doch ein Blick auf den Tacho bringt die Ernüchterung: Wenn es wirklich 2.500 Kilometer sind, dann ist noch nicht einmal die Hälfte geschafft. Baahh! Also gut, packen wir's! Immer noch gibt es viel zu erzählen. Manches, was uns geschäftlich bewegt und was für unser Werk wichtig ist. Auch privat führt uns die lange Reise näher zusammen. Wir lernen uns kennen, wie das im Alltag sonst nicht möglich ist. Endlose Weite!

Wir denken 50 Jahre zurück. Wie muss es den deutschen Soldaten gegangen sein, die hier mit Pferd und Wagen, zu Fuß und mit schwerem Kriegsgerät Feindesland erobern sollten! Wie muss es sein, wenn man von dem unausweichlichen Befehl zu einem sinnlosen Krieg durch so bedrückende Endlosigkeit getrieben wird, immer mit der bangen Frage im Herzen, ob man die Heimat je wiedersehen wird! Das alles ist lange her.

Doch auch wir im komfortablen VW-Bus TDI spüren ein wenig von dem, was Weite bedeutet: In diesem Land scheint die Endlosigkeit in verschiedene Abschnitte eingeteilt zu sein.

Wir müssen das Tempo drosseln, die Straßen sind für unseren Wolfsburger ein echter Härtetest und für die verwöhnten Autofahrernerven eine Herausforderung. Wenn man drei Schlaglöchern erfolgreich ausgewichen ist, aber das vierte eben doch erwischt hat und die Federn wieder einmal bis zum Anschlag durchgeschlagen sind, dann bleibt nur der fragende Blick, ob der liegende Passagier im Autoheck immer noch schläft.

Und noch andere "Gefahren" gibt's: Die Polizei scheint auf ausländische Reisende nur zu warten. Und es fällt ihnen immer etwas ein: Zu schnell, an der falschen Stelle gestoppt ... "Halt! Dokument!" Dann wird erst einmal geprüft, ob einer im Auto russisch spricht ... Mit der vielsagenden Bemerkung: "Protokoll" und dem angedeuteten Kritzeln auf einem Formular wird versucht, der Kreativität unserer müden Nerven ein wenig aufzuhelfen. Notfalls wird nachgesetzt: "Saftra utro", will heißen: morgen früh geht's weiter.

Da platzt einem natürlich irgendwann der Kragen, wenn man an die Strecke denkt, die noch vor einem liegt. Manchmal reicht ein 50er (50 Griepen = 10 Euro), manchmal müssen wir noch einen drauflegen. Und das etwa vier bis fünf Mal auf der Strecke.

Einmal scheint es, als hätten die sich schon per Funk abgesprochen, uns gleich noch einmal abzukassieren. Alles ohne Quittung. Das Geld verschwindet mit der einen Hand in der rechten Tasche, die Pässe werden gleichzeitig mit der anderen Hand wieder ausgehändigt und wir können froh sein, wenn nicht nach zehn Minuten der nächste Polizist mit der freundlichsten Miene uns unmissverständlich klarmacht, dass wir schon wieder irgendetwas falsch gemacht haben.

Dennoch: Die Stimmung ist gut. Die Polizisten haben es wohl nötig. Zumindest sitzen sie ja doch irgendwie "an der Quelle", oder? Und die 100 Euro, die wir auf diese Weise auch im Land lassen, müssen dann wohl noch übrig sein.

Gegen 20 Uhr erreichen wir Kiew. Das also ist die Hauptstadt des neuen Staates Ukraine, der sich vor zehn Jahren wieder von der Sowjetunion unabhängig gemacht hat. Wir fragen uns: Ob dieser Schritt richtig war? Deutschland ist damals vereinigt worden, viele andere haben sich getrennt: Tschechien und Slowenien, Bulgarien, die baltischen Staaten und, und, und ...


Donnerstag, 29. August 2002

Wir fahren in die zweite Nacht. Schnell noch einmal eine kurze Pause an einer Tankstelle. Der Diesel ist für deutsche Verhältnisse unglaublich billig (rund 30 Cent für den Liter). Ein Telefonat vom Handy informiert unsere Freunde in Mariupol, wie weit wir sind. "Gute Reise" ruft Heinz Nitzsche am anderen Ende. "Ungefähr noch zehn Stunden müsst ihr rechnen!"

Die Rechnung stimmt nicht ganz. Die Weite hinter Kiew ist wohl noch weiter. In Dnepropetrowsk überqueren wir den Dnepr. Beeindruckendes Panorama, eine riesige Stadt, ein gewaltiger Fluss, der hier offenbar auch genügend Platz zum Ausufern hat, wenn's mal dick kommt, wie vor wenigen Tagen bei uns entlang der Elbe.

Saporoschia ist die letzte große Stadt, bevor wir mittags gegen 12 Uhr unser Ziel, Mariupol, erreichen. Foto am tristen Ortseingangsschild. Wenig später erwartet uns Martina Nitzsche, die mitten auf der breiten Straße winkend auf uns zukommt. Von den 39 Stunden haben wir eine einzige alle drei gleichzeitig zum Schlafen genutzt, als wir nach der zweiten Nacht immer noch 300 bis 400 Kilometer vor uns hatten und die Kondition irgendwie am Ende war. Doch nun sind wir da, und die Zeit zählt hier anders. Wir müssen die Uhr eine Stunde vorstellen. Nur 300 Kilometer weiter, an der russischen Grenze, würde sie um eine weitere Stunde vorgestellt.

Die Strapazen der Fahrt stecken uns noch in den Knochen. Doch nach einer guten Mütze Nachmittagsschlaf wird alle Aufmerksamkeit auf das Fest am Samstag und die dafür notwendigen Vorbereitungen gelenkt.

Für den Abend ist eine Zusammenkunft mit einigen Mitarbeitern verschiedener Gemeinden der Stadt geplant. Es ist ein lauer Sommerabend. Wir sitzen draußen auf der frisch gepflasterten Terrasse, machen uns bekannt und werden blendend versorgt.

Wir bekommen einen ersten Einblick in die Arbeit, die Nitzsches hier vor einem Jahr hauptamtlich begonnen haben, lernen neue Menschen kennen, treffen Bekannte, die schon mal mit in Deutschland waren und erleben, wie die Verständigung auch dann funktioniert, wenn Martina Nitzsche einmal nicht in der Nähe ist und wir mit Händen und Füßen und den wenigen Erinnerungen an einen ungeliebten Russischunterricht uns zu verständigen versuchen.

Auch das ist interessant. Wir haben viel Spaß und gute Laune. Daneben müssen aber sehr konkrete Absprachen getroffen werden: Am Samstag soll die Jahrfeier des Blauen Kreuzes in einem Kinosaal stattfinden. 125 Jahre Blaues Kreuz ein Anlass, der nicht nur im Gründerland Schweiz, sondern auch in der Ukraine gefeiert werden soll, wo das Blaue Kreuz erst vor etwa einem Jahr offiziell registriert worden ist. Wie soll das Programm aussehen? Wer hilft mit beim Brote schmieren, Kaffee kochen ...?

Die Leute hier am Ort sind skeptisch: Muss das überhaupt sein? Kann man den hohen Aufwand mit dem Essen nicht auch sparen? Heinz Nitzsche wollte eigentlich ein Vormittags- und ein Nachmittagsprogramm machen, dazwischen Mittag, danach Kaffee wie beim Jahresfest in Serrahn. Das wurde zusammengestrichen. Von 10 bis 13 Uhr soll die Veranstaltung gehen, dann Mittagessen, Kaffee und Kuchen gleich hinterher und dann Schluss! Na ja, mal sehen ...

Die Feier findet bewusst am Samstag statt, damit nicht die Gemeinden den Eindruck haben, das Blaue Kreuz wolle eine Konkurrenz zu ihnen sein. Uns wird als Zuhörern bewusst, dass es für Nitzsches nicht einfach ist, sich auf einem Arbeitsfeld zu bewegen, auf dem überall schon gearbeitet wird.

Ökumene und Evangelische Allianz gibt es hier nicht und die einzelnen Gemeinden sind so mit sich selbst beschäftigt, dass ein Blick über den eigenen Tellerrand hinaus schwer fällt. 600 Plätze stehen im Saal zur Verfügung. Die spannende Frage heißt: Wie viele Leute werden kommen?


Freitag, 30. August 2002

Vom Frühstück bis in die späten Abendstunden spielt sich das Leben draußen ab. Immer Sonne, immer warm, sehr angenehm! Heinz Nitzsche sagt, das sei hier so von April bis Oktober. Und in der Tat, in den Gärten ist alles trocken, auf den riesigen Feldern Steppe ...

Am Nachmittag kommen einige Frauen zum Helfen. Martina Nitzsche gibt Anweisungen. Mit verschiedenen Haushaltsmaschinen wird Brot geschnitten, das der Bäcker aus der Nachbarschaft gespendet hat. Wasser wird in riesigen Mengen abgekocht für Mixgetränke. Mengen an Wurst und Käse werden aufgeschnitten und in großen Töpfen verpackt - auch die 700 Bockwürste, die wir mitgebracht haben, weil vergleichbare Ware in der Ukraine einfach zu teuer ist. Alle helfen mit, sogar Alexander, Sekretär im ukrainischen Ministerium für humanitäre Hilfe ist aus Kiew eingetroffen. Ohne seinen Stempel geht hier nichts. Er schläft bei Nitzsches in der Wohnstube und auch er lässt sich als Helfer willig mit einspannen!

Am Abend besuchen wir eines der Kinderheime, zu denen Nitzsches schon seit Jahren Kontakt haben. Die Kinder erkennen das grüne Auto und kommen angerannt: "Cheinz, Cheinz" ... (in der russischen Sprache gibt es kein "H")

Jeder bekommt eine Tüte Gummibärchen und wir haben die Gelegenheit zur Besichtigung des Hauses und zu einem Foto. Viel ist hier schon getan worden. Das Haus sieht eher aus wie eine alte Kaserne, aber alles gut in Ordnung. Wohltuend die christlichen Poster an den Wänden. Hier hat Heinz Nitzsche viele kleine Freunde, auch das sechsjährige Mädchen, das an Syphilis erkrankt ist!

Nach der Besichtigung fahren wir zu einem Abstecher an das Asowsche Meer. Leider sieht das Wasser recht schmutzig aus und lädt die verwöhnten Deutschen nur teilweise zum Schwimmen ein. Auch Alexander zieht es vor, nur die Füße zu baden ...

Danach fahren wir zur Uferkirche der Baptistengemeinde. Ein neues Gemeindehaus oben auf dem Berg mit einem faszinierenden Ausblick auf das Meer! Das Haus wird schon über viele Jahre hin gebaut und ist immer noch nicht fertig. Vieles würden wir wohl anders machen, aber immerhin, es sieht gut aus und die Gemeinde lebt schon jetzt in diesem schönen, noch unfertigen Gebäude.


Samstag, 31. August 2002

Um 6 Uhr geht der Betrieb bei Nitzsches auf der Terrasse wieder los. Frauen schmieren und belegen die vorbereiteten Brote. Die Autos übernehmen die ersten Transportfahrten zum Kino in einem anderen Stadtteil, rund acht Kilometer entfernt.

Immer wieder wird die erwartungsvolle Frage gestellt: Wie viele werden kommen? So ein Fest gab es hier noch nie. Die Gemeinden feiern sonst nur in den eigenen Reihen. Die Einladungen, die wir gestern Abend noch an verschiedenen Haltestellen verteilt und ausgelegt haben, sind heute früh alle weg. Das ist ein gutes Zeichen.

Wir fahren zum Kino noch mit Arbeitskleidung. Überall ist es unvorstellbar staubig und dreckig in der Stadt, auch auf dem Gelände um das Kino herum. Aber die ersten Leute sind schon da. Einige Freunde begrüßen uns erfreut. Es sind Bekannte aus dem benachbarten Russland, aus Rostow am Don (rund 300 Kilometer entfernt).

Alle piekfein und das fällt sofort auf sie tragen stolz ihr Blaukreuz-Abzeichen am Revers. Spontan denke ich: Ach ja, die Russen lieben doch die Abzeichen! Ich denke an meine Kindheit, als wir mit russischen Soldaten Abzeichen tauschten ... Aber dieses ist natürlich ganz anders. Es ist auch für mich ein besonderes Abzeichen: Nicht für die Heldentaten einer ruhmreichen Sowjetarmee, sondern das blaue Kreuz als Zeichen des Siegeszuges im Kampf gegen Abhängigkeit und Sucht auf der Grundlage der Rettungstat Jesu Christi. Und ich spüre, dass dieses kleine Zeichen uns verbindet!

Ich hatte schon überlegt, ob ich mein Jackett überhaupt anziehe bei der Wärme. Aber jetzt ist mir klar: Sowohl Jackett als auch Abzeichen sind hier unverzichtbar. Diese Menschen sind nicht nur Freunde, es sind Schwestern und Brüder, auch wenn wir uns sprachlich teilweise nur wenig verstehen. So deutlich wie in diesem Moment habe ich noch nie die verbindende Wirkung unseres Abzeichens erlebt. Vielleicht kann ja gerade dieses äußere Symbol eine Brücke werden zwischen den Konfessionen und zu einer Ermutigung für ein gemeinsames Werk zur Rettung von Menschen.

Als wir um 9.30 Uhr zum zweiten Mal zum Kino fahren, strömen die Menschen in den Saal. Auch als es 10 nach 10 offiziell losgeht (die Uhren gehen hier anders), kommen immer noch Leute. Nur wenige Plätze bleiben frei. Dafür am Rand und an den Eingängen Trauben von Menschen. Das Kino ist voll. Maßarbeit unseres Herrn! Danke Jesus, das ist dein Werk!

Viele von den Aidskranken, die Martina und Heinz Nitzsche aus deutschen Hilfslieferungen am Jahresanfang eingekleidet haben, sind gekommen. Große Freude! Wir sind überwältigt. Drei Stunden volles Programm: Lieder, Predigt, Grußworte. Viele wollen etwas sagen, aber Heinz Nitzsche hat die Leitung fest in der Hand.

Am Ausgang gibt es eine Tafel Schokolade für jeden. Und zum Mittag Bockwurst, belegte Brote und selbst gebackenen Kuchen, den wir zum großen Teil mitgebracht haben. Viele Gemeindeglieder und Freunde haben uns Kuchen und Kaffee mitgegeben. Wir können es kaum glauben, aber es wird tatsächlich alles alle! Das Fernsehen ist auch da und die Zeitung. Wieder eine Chance für Heinz Nitzsche, der mit dem grünen Auto in dieser großen Stadt ohnehin schon bekannt zu sein scheint wie "ein bunter Hund". Eine Vertreterin der Stadt sagt ein Grußwort - überaus dankbar für die bereits erfahrenen Hilfeleistungen aus Deutschland und die heute neu gewonnenen Erkenntnisse über die Arbeit des Blauen Kreuzes.

Als das Fest zu Ende ist, geht es bei Nitzsches weiter im "kleinen Kreis". Etwa 40, vor allem auswärtige Gäste aus Rostow, Rowenky und anderen ukrainischen Einrichtungen, ebenso der Vertreter der lutherischen Kirche in der Ukraine, Pfarrer Sander mit seiner Dolmetscherin, haben eine wunderbare Zeit bei Kaffee, Melonen und dem gemeinsamen Austausch über die Arbeit sowie persönlichen Glaubenszeugnissen.

Irgendwann ist auch das zu Ende und um 20 Uhr können wir endlich aufbrechen zu unserer geplanten Besuchsreise in Rowenky, rund 300 Kilometer über Land! Wolodja, der Leiter der dortigen Einrichtung für suchtkranke Männer, hat uns eingeladen. Er ist selbst mit elf Personen in einem 9-Sitzer (!) hierher gekommen und nimmt uns nun mit. So fahren wir mit drei Kleinbussen in die Nacht hinein. Gegen Mitternacht erreichen wir Rowenky. "Kein Problem", sagt Wolodja, "Ina hat alles vorbereitet." Die Männer schlafen in der Einrichtung, wir selbst sind als persönliche Gäste bei ihm zuhause eingeladen. Die Busse werden in den Hof gezirkelt. Für uns sind die Betten gemacht: Zwei Betten für fünf Personen.

Steffen Meier und Heinz erklären sofort: Wir schlafen im Auto. Doch das ist für Wolodja unerträglich. Ina schleppt noch eine Matte an und Heinz Nitzsche muss wieder mit ins Haus. Er schläft mit Wolodja und den beiden Kindern in einem Zimmer, seine Frau geht für die Nacht zur Nachbarin. Nachts halb eins! Für uns Deutsche schon abenteuerlich. Das Plumpsklo irgendwo im Garten. Ina zeigt uns voller Stolz die Waschgelegenheit in der Küche: Eine Kommode, in der oben ein Wasserbehälter ist, darunter ein mechanischer Wasserstop, der, etwa wie bei einer Kaninchenselbsttränke, das Wasser festhält und nur durch Berühren freigibt. Nach Benutzung wird das Wasser durch einen Ausguss wieder in einem Eimer unterhalb des Waschtisches gesammelt. Einfach, praktisch und sparsam!


Sonntag, 1. September 2002

Am nächsten Morgen wird kurz nach 7 Uhr geweckt. In unserem Schlafzimmer (Wohnstube der Familie) muss der Tisch gedeckt werden. Um 8.30 Uhr müssen wir aufbrechen. Wir wollen ein wenig lüften. Doch die Fenster sind nicht zum Öffnen. Das scheint hier nirgends vorgesehen zu sein.

Das Frühstück ist liebevoll vorbereitet: Jeder bekommt einen kleinen Salatteller und dazu eine tüchtige Portion "Bauernfrühstück": Kartoffelsalat, eine große Bulette, viel Knoblauch. Eben etwas für herzhafte Gemüter und damit man notfalls den Tag über aushalten kann. Wir nehmen am Gottesdienst der Baptistengemeinde teil. Beginn um 9 Uhr. Bei allem dabei ist unser Gast aus Mariupol, ein Psychiater, leitender Arzt einer großen psychiatrischen Klinik, der die Einrichtung in Rowenky einmal kennen lernen möchte, zusammen mit seiner Frau. Er ist (noch) kein Christ, macht das alles aber mit, als wäre er schon immer dabei!

Als wir in der Gemeinde ankommen, ist die Kirche bereits voll - rund 250 Menschen sind da. Wir werden zu einer kurzen Absprache und Gebet mit den Ältesten in die Kellerräume geführt: Männer links, Frauen rechts.

Wir bekommen kurze Instruktionen, wer wann zu predigen hat und wie es mit der Gebetsgemeinschaft dazwischen gehalten wird. Der erste Prediger ist Reinhard, dann Gebet, danach ich, dann wieder Gebet, dann kommt die dritte Predigt von einem Ältesten aus der Gemeinde. Dann Abendmahl und der Hinweis, dass nur Gemeindeglieder daran teilnehmen dürfen.

Unsere Dolmetscherin bekommt den Auftrag, den Gästen, d.h. in diesem Fall nur dem Arzt und seiner Frau (weil wir als Prediger wohl eine Ausnahme der Ausnahme sind!), zu sagen, dass sie nicht am Abendmahl teilnehmen dürften. Das haben wir nicht mitbekommen. Heinz Nitzsche sagt nach dem Gottesdienst zu ihr: "Ich hätte nicht den Mut, mir anzumaßen, jemanden vom Abendmahl auszuschließen."

Seine Freude ist groß, als ich ihm erzähle, dass ich gesehen hätte, wie der Doktor aber doch am Abendmahl teilgenommen habe und als er von Steffen Meier und Reinhard Jahn hört, dass Natascha zu ihnen hinterher gesagt habe, sie würde einen solchen Auftrag nie wieder ausführen.

Leider hat die Gemeinde wohl noch nicht begriffen, dass es viel eher ihre Sache wäre, aus Liebe zu den Alkoholkranken, die es auch hier reichlich gibt, den wunderbar süßen Wein durch Traubensaft zu ersetzen. Heinz Nitzsche hat das schon öfters angesprochen, aber das ist dann doch vielleicht noch ein weiter Weg. Uns wird bewusst, dass wir hier mit den ureigentlichen Themen des Blauen Kreuzes zu tun haben und beten still: "Herr, segne diese Gemeinde und lass unter uns allen die Offenheit wachsen, mit der du selbst den Menschen begegnet bist."

Nach dem Gottesdienst (rund drei Stunden) besuchen wir die Therapieeinrichtung, die Wolodja leitet. Es ist ein Haus mit westlichen Standards, das teilweise wie ein Fremdkörper in der sonstigen Landschaft wirkt, aber eine fröhliche und freiwillige Lebensgemeinschaft der Bewohner (Alkohol- und Drogenabhängige) bietet, eine gute Atmosphäre, vernünftige Konzepte vor allem mit Arbeitstherapie direkt im und ums Objekt.

Wir sprechen mit den Bewohnern, essen gemeinsam zu Mittag und haben mit den Mitarbeitern einen guten Austausch. Dankbar für alle Eindrücke und Erfahrungen machen wir uns wieder auf den Weg zurück nach Mariupol. Dr. Dijaschenko und seine Frau sprechen weder deutsch noch englisch, so können wir Deutsche allein die Zeit nutzen, um Möglichkeiten und Grenzen für die Zukunft der Arbeit hier zu überlegen.

Die Bedürftigkeit der Menschen ist grenzenlos wie das Land. Und die Erwartung, die wir mit unserer Anwesenheit nur noch verstärken, dass die Deutschen Geld haben und dass man mit Geld alles "machen" kann, ist nicht zu übersehen und ist gefährlich. Wie können wir den Menschen klar machen, dass auch wir auf Gottes Hilfe angewiesen sind, der immer wieder viele Freunde zum Abgeben und Opfern bereitmacht.

Die Dijaschenkos sind nach wie vor gut dabei, machen alles mit und tauen in der Gemeinschaft immer mehr auf. Ein russisches (sozialistisches) Lied fällt mir aus meiner Schulzeit wieder ein und ich beginne: "Busjek da, busjek sonze ..." Sie sind ganz überrascht und stimmen fröhlich mit ein. An diesem Abend reicht die Kondition noch für ein ordentliches Abendbrot. Dann geht's ins Bett.


Montag, 2. September 2002

Vormittags besuchen wir Dr. Dijaschenko in seiner Klinik. In seinem Büro empfängt er uns und erzählt über seine psychiatrische Klinik und bereitet uns eingehend darauf vor, dass es hier nicht so "nobel" ist wie in der Einrichtung gestern in Rowenky. Er erzählt von der Alkoholikerstation, der Arbeitstherapie und den Finanzen. Zunächst führt er uns in die Tischlerei, die bei uns in Deutschland einen reinen Museumswert hätte. Ebenso die Näherei: Bei zwölf Nähplätzen sind zehn Maschinen kaputt. Eine Frau sitzt gerade an der Elften und ist dabei, aus Leinenhandtüchern Bettwäsche zu nähen.

Das Lager des Krankenhauses ist seit Jahren leer. Der Staat gibt schon lange kein Geld mehr für das Krankenhaus aus. So ist der bescheidene Arzt dankbar für alles, was ihm als "humanitäre Hilfe" via Martina und Heinz Nitzsche aus Deutschland erreicht.

Wir kommen zur Männerstation für Alkoholkranke. Hier geschieht die stationäre Entgiftung. Auf unsere Nachfrage hören wir immer wieder: Es fehlt an allem ... Das größte Problem: Es fehlt an Medikamenten. Wir fragen: Was kann ein Arzt tun, wenn er keine Medikamente hat. Darauf der Mann im weißen Kittel: "Ja, es ist schwierig, aber wir versuchen halt irgendwie zu helfen."

Normalerweise müssen die Patienten ihre Medizin ins Krankenhaus mitbringen, um behandelt zu werden. Was aber soll mit denen werden, die bisher als einzige Medizin ihren "Freund" Alkohol kannten, auf den gerade sie nun aber verzichten müssen?!

Auf dem großen Flur der Station sind währenddessen schon alle Patienten zusammengekommen. Wir singen ein Lied und sprechen von Gottes großer Liebe zu uns Menschen. Mit einer Tafel Schokolade für jeden und das ins Russische übersetzte Buch "Bis zum letzten Tropfen" von den Erfahrungen einiger Patienten aus Serrahn wollen wir uns verabschieden. Doch der Chefarzt setzt mit einigen persönlichen und sehr herzlichen Worten noch einmal nach.

Er, der kein Christ ist, bittet seine Patienten in Anwesenheit der Mitarbeiter, dass sie diesen Aufruf "der Deutschen" ernst nehmen möchten und Gott in ihr Leben und Denken einbeziehen. Sagenhaft! Und dann führt er uns noch einmal in sein Büro, wo seine Mitarbeiterinnen ein festliches Mittagessen für uns aufgetischt haben: Mit einfachsten Mitteln, aber so liebevoll hergerichtet nach einheimischen Rezepten und auch für unsere Gaumen überaus schmackhaft. Ein Zeichen großer Dankbarkeit. Wir nehmen das gerne an. Die Nudeln, die Martina Nitzsche gekocht hat, müssen nun noch warten. Wir sind satt bis obenan.

Nachmittags sind wir wieder in einem Kinderheim, das auch von einer christlichen Organisation geführt wird. Was solche Kinderheime für dieses Land bedeuten, kann man wohl kaum ermessen. Aber Hilfe von außen ist auch hier unabdingbar.

Abends gehen wir in ein Obdachlosenheim, in das Nitzsches und einige Mitglieder der Baptistengemeinde regelmäßig montags gehen. Die Einblicke in die äußeren Gegebenheiten dieser Behausung sind erschütternd. Hier würde es unsereiner nicht eine Stunde aushalten.

Mit Lied und Gebet und einer Predigt beginnen wir draußen im Hof. Die Luft ist auch hier nicht ganz neutral, aber wir sind dankbar, dass die Versammlung im Freien stattfindet. Dann gibt es heiße Suppe, Brote, Melonen und eingeschweißte kleine Wurstportionen für die nächsten Tage. Denn morgen ziehen die Leute wieder los auf der Suche nach Essbarem, und sei es im Mülleimer. Auch hier schließt sich eine Predigt an die nächste an.

Einer fragt: Ist das nicht ein bisschen viel? Kann sein. Aber es ist ja Gottes lebendiges Wort. Vielleicht ist bei den vielen von uns gesprochenen Worten eines dabei, das bei dem einen oder anderen hängen bleibt.

Als wir schon im Auto sitzen, beugt sich einer mit dem Gesicht herein und ich nehme seine dicke Backe wahr. Er kommt gerade vom Zahnarzt, der ihm Schmerzmittel verschrieben hat, die er in der Apotheke kaufen soll. Aber womit? Heinz Nitzsche kramt in seiner Tasche und holt eine Gelonida heraus "für die Nacht" und er findet noch eine "für morgen Früh! ... und dann sehen wir weiter". Unvergesslich der dankbare Blick dieses Mannes, der sich nun wohl doch eine halbwegs erträgliche Nacht vorstellen kann.

Nach dem Besuch im Obdachlosenheim sind wir noch eingeladen bei Freunden, die Nitzsches sehr unterstützen. Sie bewirten uns reichlich und herzlich. Es ist ein wunderbarer Abend in fröhlicher Runde mit rund 20 Leuten.

Dienstagvormittag besuchen wir eine Drogeneinrichtung. Auch hierher hat Heinz Nitzsche einen guten Kontakt und alle sind dankbar dafür. Schnell wird deutlich, dass diese Leute nicht nur auf Geld aus Deutschland hoffen, sondern dass die gemeinsame Aufgabe an hilfsbedürftigen Menschen uns zusammenführt. Der Leiter erzählt von der Arbeit und führt uns durchs Haus. Hier ist noch viel zu tun. Aber hier wird miteinander gelebt! Wir singen ein Lied. Alle hören zu.

Als wir fertig sind, holt einer von ihnen seine Gitarre heraus und nun singen sie uns ein Lied. Wir spüren einfach: Das Herz ist dabei. Auf "allen Registern" wird in diesem Haus gearbeitet: Das Haus wird renoviert, im Keller eine alte Maschine, mit der Nudeln hergestellt werden. Daneben soll eine kleine Pizzeria entstehen. Im Seitengebäude wird an einer Sauna gearbeitet. Im Stall Pilzzucht ... alles mit eigenen Mitteln im Rahmen der Arbeitstherapie. Die Leute, die wir hier treffen, sind freiwillig und gerne hier. Das ist zu spüren. Auf die Frage: "Könnt ihr Bettwäsche gebrauchen?", sagt der Leiter: "Wir brauchen alles."

Aber er macht auch sofort deutlich, dass sie hier im Vertrauen auf Gott und mit wenigen Mitteln zu arbeiten bereit sind. Gottes Segen wünscht er Heinz Nitzsche beim Abschied und "dass Heinz eine große lutherische Gemeinde baut". Hier ist Weite im geistlichen Denken. "Danke, himmlischer Vater, für diese Mitarbeiter. Bitte segne du ihre Arbeit." Und mit einigen "Mitbringseln" können auch wir sie ermutigen und eine gute Erinnerung an uns zurücklassen.

Nachmittags kommen drei Fremde aus einer anderen Drogeneinrichtung, um Nitzsches kennen zu lernen. Sie wollen auch in Mariupol eine Arbeit beginnen und wollen jetzt einfach Kontakt aufnehmen. Das ist ein gutes Zeichen. Doch langsam fragen wir uns: Wird es gelingen, die vielen verschiedenen Gemeinden und Richtungen zusammen zu bringen?

Immer wieder macht Heinz Nitzsche den Leuten Mut zum Aufbau "kleiner Zellen". Die großen Einrichtungen sind schwer zu finanzieren und die geistliche und menschliche (familiäre) Atmosphäre ist viel schwerer zu schaffen. Auch besteht in den kleinen Zellen die Chance zu größerer Vielfalt unterschiedlicher Strömungen im geistlichen und therapeutischen Ansatz. Das Fest am Samstag hat viel Mut gemacht. Alle aus den Gemeinden und Einrichtungen, die wir kennen gelernt haben, waren da gewesen.

Wir konnten von der Arbeit erzählen und von dem Ansatz des Blauen Kreuzes, nicht eigene Gemeinden zu gründen, sondern mit den Gemeinden und Gruppen zusammen zu arbeiten, die aus Liebe zu Jesus Christus Menschen helfen wollen. Nun aber denken wir wieder an die Heimreise. Es bleibt uns noch ein wenig Zeit, um mit Nitzsches weiter zu denken. Unser Besuch hier macht die Kassen in Serrahn nicht voller. Dennoch: Wir sind überaus dankbar für alle Eindrücke und wir werden alles tun, damit diese wichtige "Pionierarbeit" hier weitergehen kann.

Die Rückfahrt geht schneller. Statt 39 Stunden brauchen wir mit leerem Auto nur noch 33. Als wir nach Polen kommen, geht es uns diesmal anders als auf der Hinfahrt. Vor einer Woche dachten wir, hier sei aber noch viel zu tun. Jetzt fahren wir dieselbe Strecke zurück und fühlen uns wie "im Westen". Uns wird bewusst: So unterschiedlich ist unsere Wahrnehmung, je nach dem, aus welchem Blickwinkel wir schauen: Dieselbe Situation, aber eine völlig veränderte Bewertung. Ob wir "diesen Blick" ein Stück mitnehmen können, wenn wir in wenigen Tagen schon wieder von unserem Alltag "aufgefressen" werden? Und ob wir ein Stück weit transportieren können, was wir erlebt haben, um neben den vielen Melonen, die wir auf der Rückreise für das Gemeindeessen am Sonntag eingepackt haben, auch einen Dank mitzubringen für alle Hilfe? Und darüber hinaus die Motivation, diese Arbeit auch künftig nachhaltig zu unterstützen? Die "Nummer" für Gebetsunterstützung ist bekannt. Die Kontonummer für finanzielle Hilfe lautet: Diakonisches Zentrum Serrahn, Russlandarbeit, Ostseesparkasse Rostock, Konto 62 500 17 96, Bankleitzahl 130 500 00.


Martina und Heinz Nitzsche